Thüringer-allgemeine

Posted on 9 September 2011 by macmanagement 1 Comment


Bei Jutta Speidel und Bruno Maccalini blieb kein Auge trocken
-thueringer-allgemeine.de 22/03/11 15.49

Zum 20. Mal hatte das Best Western-Hotel Der Lindenhof zu einer
kulinarisch begleiteten Begegnung mit Prominenten eingeladen. Jutta
Speidel und ihr Lebensgefährte, der italienische Regisseur Bruno
Maccalini, lasen aus ihrem Buch Wir haben gar kein Auto . . . Mit dem
Rad über die Alpen.

Gotha. Zweihundert Gäste haben im Cranach-Saal Platz genommen. Über
ihren Häuptern, am offenen Dachgebälk, hängen zehn Fahrräder. Jedes steht
für einen Abschnitt der Radtour über die Alpen, von München nach Merano,
und jedes trägt ein Zitat aus dem Reisetagebuch. Etwa dieses: “Reichling -
Füssen. Länge: 64 km. Muhend weidende Kühe: 24. Brummen von Jutta: 24.”

Währen die Vorspeise erwartet wird, läuft vorn, überm Podest, ein Videofilm,
den die beiden während ihrer Tour mit der Handkamera gedreht haben. Noch
ist von Jutta Speidel und Bruno Maccalini in natura nichts zu sehen. Wird der
Funke überspringen, wenn sie lesen? Und wie fühlt man sich überhaupt, wenn
man angereist ist, um den Hörern ein paar entspannte Stunden zu schenken,
und doch im Hinterkopf die grässlichen Spukbilder von Fukushima
herumgeistern? “Für uns ist es wichtig, gerade in solchen Zeiten ganz bei uns
zu sein”, hatte die Schauspielerin gesagt. “Man muss abschalten können, um
sich dieser wunderbaren Aufgabe ganz zu widmen. Und gerade, weil man
Mitgefühl hat.”

Ja, das hat sie. Seit Jahren kümmert sie sich hingebungsvoll um das
“Horizont”-Haus in München. Mit Hilfe ihrer Stiftung und privater Spenden
betreuen dort seit 14 Jahren 25 feste Mitarbeiter und viele Ehrenamtliche
wohnungslose Mütter und Kinder. Im Lindenhof wurde dafür gesammelt. 1234
Euro, davon eine 500-Euro-Spende des Hauses, durfte Jutta Speidel für ihr
Projekt mit nach Hause nehmen.

Als sie endlich lesen, sie in respektvollem Abstand an beiden Seiten der Bühne
platziert. Das Buch besteht aus Kapiteln, die mal sie, mal er geschrieben hat
und in denen jeweils der andere aus ironischer Perspektive betrachtet wird.
Keine Stars, sondern Menschen wie du und ich ziehen da vorn eine Show ab,
die man nicht als Show empfindet. Nicht nur, wenn sie mal vor Lachen kaum
lesen kann und er sich mit Händen und Füßen durch die Klippen der deutschen
Aussprache hangelt, ist beiden die Sympathie des Publikums sicher.

Echte Kabinettstückchen des Humors sind Brunos Kapitel über Juttas
bemerkenswerte Duschrituale, seine merkwürdigen Erlebnisse mal in einer
Sauna, mal mit einer redefreudigen Physiotherapeutin in einem “Raum der
Stille”. Als er einen Alptraum schildert, der ihn nach einer schweren Mahlzeit
ereilt hatte, sind die Leute im Saal nicht mehr zu halten: Nacheinander
begegnet er einem Bauern mit Mistgabel, einer vor Sexappeal strotzenden
Christine Neubauer, einem kirchturmgroßen Thomas Gottschalk und seiner
Jutta im Bett. Neben ihr liegt eine Mistgabel . . . Noch mehrmals an diesem
Abend wird sein trotziges “Es w a r ein alter Bauer” zu hören sein.

Was sich liebt, das neckt sich eben. Und diese beiden scheinen Meister im
Necken zu sein. Schade nur, dass sie niemals ein Paar mit Trauschein werden
können: Eine Frierkatze von Mann und eine Frau, die stets bei offenem Fenster
schläft könnte das gutgehen?

Dieter Albrecht / 22.03.11 / TA

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